{"id":1682,"date":"2016-02-24T23:51:05","date_gmt":"2016-02-24T22:51:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schweiz-albanien.ch\/\/en\/?p=1682"},"modified":"2016-03-07T00:51:27","modified_gmt":"2016-03-06T23:51:27","slug":"wege-in-die-freiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schweiz-albanien.ch\/en\/2016\/02\/wege-in-die-freiheit\/","title":{"rendered":"Roads to Liberty"},"content":{"rendered":"<h4>The new Albanian-Swiss movie productions &#8220;De l&#8217;autre c\u00f4t\u00e9 de la mer&#8221; and &#8220;Vergine giurata&#8221; at the Solothurn Film Festival 2016 \u2013 and soon in a theater close to you.<\/h4>\n<p><!--more--><\/p>\n<h6>Von <a href=\"http:\/\/www.albanien.ch\/bb\/author\/Christian-Hadorn\/\">Christian Hadorn<\/a>, Chevroux \u2013 Mitglied Vorstand Gesellschaft Schweiz-Albanien<\/h6>\n<p>Wieder sind es die erhabenen albanischen Berge, ihre wolkenverhangenen T\u00e4ler und ihre knorrigen B\u00e4ume, die die Bu\u0308hne bilden fu\u0308r eine vergessene Welt und das archaische Gesetz der Ehre, das von alters her die albanischen Bergst\u00e4mme bestimmt hat. Wieder sind es die Mannfrauen (<em>burrnesha<\/em>, oder auch \u00bbJungfrauen\u00ab, <em>virgjinesha<\/em>, genannt) und die Blutrache, diese bildtr\u00e4chtigen und exotischen Ph\u00e4nomene des <em>Kanun<\/em>, des albanischen Gewohnheitsrechts, die uns entfu\u0308hren in eine ferne und doch so nahe Gegend, die sich bis heute den Atem der Vergangenheit in ihren Familiengeschichten bewahrt hat. Und wieder einmal sind es die Frauenfiguren, die sich aus den F\u00e4ngen dieser mittelalterlichen und paternalistischen Enge befreien und uns mitnehmen in eine bessere und hoffnungsvolle Welt.<\/p>\n<div id=\"attachment_1630\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.schweiz-albanien.ch\/virgine-giurata\/\" rel=\"attachment wp-att-1630\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1630\" class=\"size-medium wp-image-1630\" src=\"https:\/\/www.schweiz-albanien.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Virgine-giurata-300x216.jpg\" alt=\"Alba Rohrwacher in \u00bbVergine Giurata\u00ab\" width=\"300\" height=\"216\" srcset=\"https:\/\/www.schweiz-albanien.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Virgine-giurata-300x216.jpg 300w, https:\/\/www.schweiz-albanien.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Virgine-giurata-1024x736.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1630\" class=\"wp-caption-text\">Alba Rohrwacher in \u00bbVergine giurata\u00ab<\/p><\/div>\n<p>In der hu\u0308bschen Atmosph\u00e4re des historistischen Konzertsaals der Solothurner Filmtage sind es <em>Mira<\/em> (Kristina Ago) in Pierre Maillards \u00bbDe l&#8217;autre c\u00f4t\u00e9 de la mer\u00ab (CH, AL 2015) und <em>Hana<\/em> (Alba Rohrwacher) in Laura Bispuris \u00bbVergine giurata\u00ab (CH, AL, RKS, I, D 2015), die diese Aufgabe u\u0308bernehmen und uns teilhaben lassen an ihren Geschichten, die sie beide auf die andere Seite der Adria nach Italien in ihre Freiheit fu\u0308hren. In <em>Hanas<\/em> Fall freilich in einem gem\u00e4chlichen Tempo, ohne die Reise u\u0308ber das Meer wirklich zu zeigen, denn ihr obliegt nichts weniger, als das ehrenvolle Andenken an ihren Stiefvater Jahre nach seinem Tod endlich zu begraben und die in den albanischen Bergen respektierte Identit\u00e4t als Mannfrau <em>Mark<\/em> gleichsam und wahrhaftig Stu\u0308ck fu\u0308r Stu\u0308ck abzustreifen. Ganz anders in <em>Miras<\/em> Fall: Hier explodiert die Geschichte f\u00f6rmlich, in einer verbotenen Jugendliebe und einer Serie von Gewehrkugeln, die sie dem Meer entgegentreibt. Sie stolpert, u\u0308berlebt, flieht und setzt auf einem Flu\u0308chtlingsboot ihre Reise fort, einer ungewissen Zukunft entgegen. In beiden F\u00e4llen ist es aber das archaische Albanien, das Albanien der Berge und seines Ehrbegriffs, seiner kleinen uralten Kirchen und unasphaltierten Strassen und seiner kaum beru\u0308hrten Landschaft, das die Kulisse bildet fu\u0308r den Ausgangspunkt ihrer Reisen. Es sind gewaltige Reisen, u\u0308ber ein scheinbar gewaltiges Meer, gilt es doch eine Geschichte von Jahrhunderten hinter sich zu lassen.<\/p>\n<p>Es scheint kein Zufall zu sein, dass es gerade dieser Hauch der Vergangenheit und seiner hierzulande vergessenen archaischen Werte ist, der westliche Kulturschaffende fasziniert und ihnen auch eine gewisse Aufmerksamkeit garantiert. Man mag auch dagegen wettern und sagen: H\u00f6rt auf mit diesem Exotismus, schaut euch das moderne und pulsierende Leben im <em>Blloku<\/em>, dem Ausgehviertel Tiranas an! Geht hin und seht doch, mit welchem Elan die sozialistische Regierung Rama und der charismatische junge Bu\u0308rgermeister von Tirana <em>Veliaj<\/em> ihr Land ins 21. Jahrhundert fu\u0308hren! Doch noch existieren diese archaischen Elemente. Und ist es nicht gerade dieses Nebeneinander von Mittelalter und Moderne, das uns an Albanien so fasziniert?<\/p>\n<div id=\"attachment_1627\" style=\"width: 220px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.schweiz-albanien.ch\/de_l_autre_cote_de_la_mer_plakat\/\" rel=\"attachment wp-att-1627\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1627\" class=\"size-medium wp-image-1627\" src=\"https:\/\/www.schweiz-albanien.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/De_l_autre_cote_de_la_mer_Plakat-210x300.jpg\" alt=\"Filmplakat\" width=\"210\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.schweiz-albanien.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/De_l_autre_cote_de_la_mer_Plakat-210x300.jpg 210w, https:\/\/www.schweiz-albanien.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/De_l_autre_cote_de_la_mer_Plakat-717x1024.jpg 717w\" sizes=\"auto, (max-width: 210px) 100vw, 210px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1627\" class=\"wp-caption-text\">Filmplakat<\/p><\/div>\n<p>Wie Pierre Maillard wiederholt betont, stehe es ihm denn auch fern, die heutige albanische Gesellschaft abzubilden. Tats\u00e4chlich erz\u00e4hlt Maillards Spielfilm trotz aller Zeitgenossenschaft, trotz der erz\u00e4hlerischen N\u00e4he zum Kosovokrieg 1999 und zu aktuellen Flu\u0308chtlingsbewegungen auf dem Balkan, eine Geschichte, die fernab ist vom Tagesgeschehen. Sein \u00bbRoad movie \u00e0 pied\u00ab (Maillard) \u2013 der an so manche Fussg\u00e4ngerfilme Alain Tanners erinnert \u2013 ist denn auch die sehr pers\u00f6nliche Geschichte zweier vertriebener und getriebener Menschen, deren Schicksale sich in den albanischen W\u00e4ldern ineinander verfangen und in einer alten hohlen Platane Zuflucht finden. Geschickt erz\u00e4hlt Maillard in kontrastreichen und ruhigen Bildern also schlussendlich zwei Geschichten in <em>einer<\/em>, wenn er nicht nur Maras Flucht u\u0308ber das Meer Richtung Westen zeigt, sondern auch die Reise des franz\u00f6sischen Fotografen Jean u\u0308ber das Meer nach Osten und zuru\u0308ck.<\/p>\n<p>Der ehemalige Kriegsfotograf (eindringlich gespielt von Carlo Brandt) leidet an einem Verbrechen, das er vor Jahren im Kosovokrieg fotografierte und das ihn seither nicht mehr losl\u00e4sst. Trost findet der vom Schicksal Vertriebene in seinem apulischen Atelier und seinen Bildern von alten B\u00e4umen, die er rastlos immer wieder von Neuem mit seinem Fotografenauge einf\u00e4ngt. Eines Tages setzt er mit seiner Ausru\u0308stung u\u0308ber und sucht ihn auch dort, seinen Baum, ganz in der N\u00e4he seines Unglu\u0308cksorts, in den albanischen Bergen.<\/p>\n<p>Ganz im Sinne einer h\u00f6heren Erz\u00e4hlebene zelebriert Maillard im ganzen Film die Macht des Bildes, zu Beginn in Form von eindringlichen Kriegsfotografien, mit denen er (von einer fulminanten Musik begleitet) in die Geschichte einsteigt, um dann mit bewegten Filmbildern von albanischen Landschaften und ihren Ausschnitten uns mit ebenso beeindruckenden Einblicken zu versorgen, die h\u00e4ufig symbolischen Charakter haben (Kamera: Aldo Mugnier). Da sind majest\u00e4tische alte B\u00e4ume zu sehen, brennende B\u00e4ume, aber auch verlassene Industrieanlagen und trostlose Viadukte und eben dieses Flashback-Bild von \u00bbjenseits der Berge\u00ab (wie Jean sich ausdru\u0308ckt), das sich seit jenem Tag im Kosovo-Krieg besonders tief in das Gehirn des Fotografen eingegraben hat. Dies sind allesamt Jeans (und Maillards) Bilder, denn sie sind alle Ausdruck seines Erlebens als Ku\u0308nstler und Fotograf. In diesem Sinne u\u0308berh\u00f6ht die Geschichte von Jean diejenige von Mara, denn sie bildet nicht nur die eigentliche Rahmenhandlung, die Anfang und Ende bestimmt, sondern auch ein m\u00e4chtiges Bilderuniversum, das Jeans (und Maillards) poetischen Blick auf Welt freilegt.<\/p>\n<div id=\"attachment_1633\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.schweiz-albanien.ch\/de_l_autre_cote_de_la_mer\/\" rel=\"attachment wp-att-1633\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1633\" class=\"size-medium wp-image-1633\" src=\"https:\/\/www.schweiz-albanien.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/De_l_autre_cote_de_la_mer-300x199.jpg\" alt=\"Kristina Ago und Carlo Brandt in \u00bbDe l\u2019autre c\u00f4te de la mer\u00ab\" width=\"300\" height=\"199\" srcset=\"https:\/\/www.schweiz-albanien.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/De_l_autre_cote_de_la_mer-300x199.jpg 300w, https:\/\/www.schweiz-albanien.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/De_l_autre_cote_de_la_mer-1024x679.jpg 1024w, https:\/\/www.schweiz-albanien.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/De_l_autre_cote_de_la_mer.jpg 1373w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1633\" class=\"wp-caption-text\">Kristina Ago und Carlo Brandt in \u00bbDe l\u2019autre c\u00f4te de la mer\u00ab<\/p><\/div>\n<p>Nach seiner schicksalshaften ersten Begegnung mit Mara flu\u0308chtet Jean zusammen mit ihr vor ihren Verfolgern. Gepeinigt von Hunger und Durst und angetrieben von der Sorge um die von ihren Bru\u0308dern gejagte Mara durchmisst er mit ihr auf dem Weg zur rettenden Meeresku\u0308ste menschenentleerte Landschaften und ihre Ruinen aus kommunistischer Zeit. Und ganz wie Paolo, der in Pasolinis \u00bbTeorema\u00ab von der Liebe geku\u0308sst nackt durch die Wu\u0308ste wandelt, durchquert auch Jean eine verwu\u0308stete Landschaft, zuru\u0308ckgeworfen auf sich selbst und sich dank der Zuneigung zu dieser jungen Frau wiederentdeckend. Das ungleiche Paar durchquert das Terrain von alten Industriebrachen und einer aufgegebenen Goldmiene, umgeht dort ihre zahlreichen Durchbru\u0308che, um schliesslich heil und unversehrt das adriatische Meer zu erreichen. Am Ende steht das Versprechen der Freiheit, nicht nur fu\u0308r die junge Mara, die durch ihre Gebete zu San Antonio magisch gest\u00e4rkt immer noch die Kraft findet, den Widrigkeiten zu trotzen. Auch der alternde Jean findet durch die Zuneigung zu Mara endlich seine Erl\u00f6sung und wieder zuru\u0308ck zu den Menschen.<\/p>\n<p>Maillard, ein begeisterter Spazierg\u00e4nger und Baumliebhaber, entdeckte und sch\u00e4tzte Albaniens Landschaften und seine Menschen schon vor den Dreharbeiten. Dies spu\u0308rt man in seinem Film und zeigt sich am besten in den Leistungen der albanischen Schauspielerinnen und Schauspieler, die es ihm mit ihren bestm\u00f6glichen Leistungen danken. Neben der Strahlkraft der Hauptdarstellerin Kristina Ago, die in Maillards Film ihr Leinwanddebu\u0308t gibt, ist es vor allem die Pr\u00e4senz von Tinka Kurti (Maras Grossmutter), der grossen alten Dame des albanischen Films, und vom finsteren Bruno Shllaku (der Boss), die beeindruckt. Und u\u0308ber allem schwebt die vorzu\u0308gliche Filmmusik von Fatos Qerimaj: Sie ist sparsam eingesetzt, aber intensiv, und tr\u00e4gt diesen poetischen und zeitlosen Film an den richtigen Stellen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der gut 60-j\u00e4hrige Maillard in seinem Film gleichsam aus dem Vollen sch\u00f6pft, begnu\u0308gt sich die junge aufstrebende Enddreissigerin Laura Bispuri mit einer \u00e4usserst sparsamen und kontrollierten Filmsprache. Fernab jeglicher italienischer Eloquenz zeichnet die R\u00f6merin in ihrem ersten Spielfilm (bis dahin drehte sie drei Kurzfilme) die innere Welt einer ambivalenten Figur zwischen Frau und Mann, die zuerst als Gefangene ihres Zwiespalts zu verstummen scheint, dann aber in der Wiederentdeckung ihres eigenen K\u00f6rpers in kleinen Schritten wieder zu sich selbst findet. Anders als bei Maillard orientiert sich die Geschichte ausschliesslich an dieser Figur mit Namen Mark (sehr pr\u00e4zise gespielt von Alba Rohrwacher), die als M\u00e4dchen Hana hiess und seit ihrem Schwur vor dem \u00c4ltestenrat ihres albanischen Dorfes das Leben eines Mannes fu\u0308hrt. Jahre nach dem Tod von Onkel und Tante, die sich nach dem Ableben der leiblichen Eltern als gestrenge, aber auch liebevolle Adoptiveltern um Hana ku\u0308mmerten und sie aufzogen, sucht Mark mit einem Brief der verstorbenen Stiefmutter im Gep\u00e4ck seine Adoptivschwester und Kusine Lila (Flonja Kodheli) in Norditalien auf, wo sie mit ihrem albanischen Mann und ihrer Tochter in einem einfachen Arbeitermilieu ihr Dasein fristet. Der Kontrast zu seiner modernen Kusine k\u00f6nnte nicht gr\u00f6sser sein, sie: gespr\u00e4chig, betont weiblich und dem Leben zugewandt (sie singt h\u00e4ufig am Abend in einer Bar albanische Lieder), er: wortkarg, mit allen sozialen Attributen eines traditionellen albanischen Mannes versehen (mit Zigarette und Raki in der Hand). Und dennoch verbinden sie eine tiefe Vertrautheit und die gemeinsame Geschichte in den albanischen Bergen.<\/p>\n<div id=\"attachment_1624\" style=\"width: 222px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.schweiz-albanien.ch\/virgine_giurata_plakat\/\" rel=\"attachment wp-att-1624\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1624\" class=\"size-medium wp-image-1624\" src=\"https:\/\/www.schweiz-albanien.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Virgine_giurata_Plakat-212x300.jpg\" alt=\"Filmplakat\" width=\"212\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.schweiz-albanien.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Virgine_giurata_Plakat-212x300.jpg 212w, https:\/\/www.schweiz-albanien.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Virgine_giurata_Plakat-723x1024.jpg 723w, https:\/\/www.schweiz-albanien.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Virgine_giurata_Plakat.jpg 1403w\" sizes=\"auto, (max-width: 212px) 100vw, 212px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1624\" class=\"wp-caption-text\">Filmplakat<\/p><\/div>\n<p>Lila flu\u0308chtete damals nach Italien, um ihrer arrangierten Hochzeit zu entgehen und den Mann ihrer Liebe zu heiraten. Hana blieb zuru\u0308ck, leistete den Schwur zur ewigen Keuschheit und fu\u0308hrte nach dem Tod der Eltern als Mann und Familienvorstand den Haushalt weiter. Die Vorgeschichte der beiden Schwestern wird in Ru\u0308ckblenden erz\u00e4hlt, die quasi dokumentarischen Charakter haben und einen Einblick geben in das archaische Leben einer vom Kanun bestimmten Dorfgemeinschaft. Man sieht die Trauerfeier fu\u0308r den verstorbenen Vater, wie sich die wehklagenden M\u00e4nner (!) um den Leichnam versammeln und singen (und die Frauen stumm hinter ihnen). Man sieht, wie eine Schwurjungfrau einem Berggeist gleich vorbeigeht, und h\u00f6rt die Erkl\u00e4rung des Stiefvaters, wie er zu Hana im nordalbanischen Dialekt sagt: \u00bbKa ken\u00eb gru, asht ba burrnesh\u00eb\u00ab (\u00bbWar eine Frau, wurde zur Mannfrau\u00ab). Ebenso wird gezeigt, wie Hana ihren feierlichen Schwur zur ewigen Keuschheit vor dem m\u00e4nnlichen \u00c4ltestenrat ablegt und ihr dann mit heiligem Ernst die langen Haare abgeschnitten werden (Bispuri konnte sich dabei auch an aktuellen filmischen Dokumenten zum Ph\u00e4nomen der Schwurjungfrau orientieren, hatte doch die albanische Schriftstellerin Elvira Dones, deren <a href=\"http:\/\/www.albanien.ch\/une\/?p=1439\"><i class=\"wp-svg-forward-3 forward-3\"><\/i> gleichnamiges Buch<\/a> in Absprache mit Bispuri die Vorlage fu\u0308r das stark adaptierte Drehbuch bildete, einen Dokumentarfilm u\u0308ber die letzten Schwurjungfrauen Albaniens gedreht).<\/p>\n<p>Die beobachtende, dokumentaristische Kamera setzt sich dann auch in der Jetztzeit fort, wenn sie Marks beobachtenden Blick zeigt, wie er die neue Welt der jungen Italienerinnen und ihren Alltag zu ergru\u0308nden versucht. Sein Auge erfasst beispielsweise einmal eine Gruppe von hibbeligen, leicht bekleideten und stark geschminkten Teenies, die durch die n\u00e4chtlichen Gassen stolpern, oder wiederholte Male die Synchronschwimmerinnen in ihrem Training, wie sie sich Abend fu\u0308r Abend dem Diktat weiblicher Perfektion beugen.<\/p>\n<p>Das Hallenschwimmbad mit seinen fast nackten K\u00f6rpern und seinem omnipr\u00e4senten Fluidum Wasser ist denn auch Hanas Ort der Erweckung. Hier u\u0308bt Lilas Tochter (Emily Ferratello) mit anderen jugendlichen Synchronschwimmerinnen die Figuren ein. Anfangs noch mit ihren M\u00e4nnerschuhen v\u00f6llig deplatziert auf einem Startblock stehend gew\u00f6hnt sich Hana bald an die neue Umgebung. Sie begleitet ihre Nichte regelm\u00e4ssig ins Training und findet im Bademeister (Lars Eidinger) ihr Gegenstu\u0308ck. In seiner n\u00f6rdlichen Erscheinung scheint er beinahe ebenso fremd zu sein wie Hana und auch wortlos ihr Problem zu erkennen, denn er verhilft ihr (in einer grotesken Weise), sich als sexuelles Wesen zu entdecken. Hanas Verwandlung und Befreiung ist danach unumkehrbar, sie l\u00f6st zu Hause in ihrer neuen Wohnung ihre juckende Brustbinde, die ihr seit Jahren den Atem nimmt \u2026<\/p>\n<p>Wer nach knapp 90 Minuten eine Fortsetzung dieser Befreiungsgeschichte erwartet, wird allerdings entt\u00e4uscht, denn schon bald nach diesem Wendepunkt endet der Film. Auch die sorgf\u00e4ltigen statischen Einstellungen und die edle und reduzierte Farbskala von Weiss, Grau, Blau bis Gru\u0308n, die das erkaltete Innenleben der Hauptfigur widerspiegelt, erfahren keine Dynamisierung mehr. Hier muss man denn auch den einzigen Kritikpunkt an diesem an sich so u\u0308berzeugenden Film ansetzen. Es fehlen gut 20 Minuten, um dieser reduzierten \u00c4sthetik auch das n\u00f6tige Gewicht zu verleihen. Wie sch\u00f6n w\u00e4re es zu sehen, wie sich Hanas Bewegungen noch etwas l\u00f6sten, sich ihre Schatten noch etwas lichteten \u2026<\/p>\n<p>Sicherlich hat Albanien als Filmland noch mehr zu bieten als eine archaische Kulisse und Geschichten von Armut und Unterdru\u0308ckung, blickt das Land doch zuru\u0308ck auf eine reiche Kinotradition und, angesichts aufstrebender junger albanischer Filmschaffender, auch auf eine vielversprechende Zukunft. Mit dem aktuellen Albanian Cinema Project des staatlichen Filmarchivs, das mehr und mehr auch in Westeuropa wahrgenommen wird und mit der Lancierung von \u00bbBota\u00ab (einem Spielfilm von Iris Elezi und Thomas Logoreci) fu\u0308r die vergangenen Oscarnominationen scheint nun Bewegung in den albanischen Film zu kommen. Die albanisch-schweizerischen Koproduktionen \u00bbVergine giurata\u00ab und \u00bbDe l\u2019autre c\u00f4t\u00e9 de la mer\u00ab sind ein gelungener Teil dieser Aufw\u00e4rtsbewegung und lassen auf eine weitere Zusammenarbeit der beiden Filml\u00e4nder hoffen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>\u00bbVergine giurata\u00ab<\/h4>\n<span class=\"embed-youtube\" style=\"float:right; width:400px; height:225px; margin-left:10px; margin-bottom: 10px; display: block;\"><iframe loading=\"lazy\" class=\"youtube-player\" width=\"400\" height=\"225\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/pUfVnfx8oKI?version=3&#038;rel=1&#038;showsearch=0&#038;showinfo=1&#038;iv_load_policy=1&#038;fs=1&#038;hl=en-US&#038;autohide=2&#038;wmode=transparent\" allowfullscreen=\"true\" style=\"border:0;\" sandbox=\"allow-scripts allow-same-origin allow-popups allow-presentation allow-popups-to-escape-sandbox\"><\/iframe><\/span>\n<p>Laura Bispuri; CH: Bord Cadre films, AL: Erafilm Productions, u.a., 2015.<br \/>\nSeit dem 1. Februar in der Romandie, ab dem 10. M\u00e4rz in der Deutschschweiz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>\u00bbDe l\u2019autre c\u00f4t\u00e9 de la mer\u00ab<\/h4>\n<span class=\"embed-youtube\" style=\"float:right; width:400px; height:225px; margin-left:10px; margin-bottom: 10px; display: block;\"><iframe loading=\"lazy\" class=\"youtube-player\" width=\"400\" height=\"225\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/Y1GrSjdzxAE?version=3&#038;rel=1&#038;showsearch=0&#038;showinfo=1&#038;iv_load_policy=1&#038;fs=1&#038;hl=en-US&#038;autohide=2&#038;wmode=transparent\" allowfullscreen=\"true\" style=\"border:0;\" sandbox=\"allow-scripts allow-same-origin allow-popups allow-presentation allow-popups-to-escape-sandbox\"><\/iframe><\/span>\n<p>Pierre Maillard; CH: CAB Productions, Zoofilms, u.a., 2015.<br \/>\nAb dem 20. April in der Romandie, ab dem 21. April in der Deutschschweiz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein Filmprogramm des <strong>Albanian Cinema Project<\/strong> und des Albanischen Filmarchivs wird<br \/>\ndemn\u00e4chst am Internationalen Dokumentarfilmfestival \u00bbCin\u00e9ma du r\u00e9el\u00ab im Pariser <em>Centre<\/em><br \/>\n<em>Pompidou<\/em> vom 18. bis zum 27. M\u00e4rz dieses Jahres vorgestellt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>The new Albanian-Swiss movie productions &#8220;De l&#8217;autre c\u00f4t\u00e9 de la mer&#8221; and &#8220;Vergine giurata&#8221; at the Solothurn Film Festival 2016 \u2013 and soon in a theater close to you.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1631,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"enabled":false},"version":2},"_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[196,195],"tags":[423,575,576],"class_list":["post-1682","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-cooperation","category-updates-from-switzerland","tag-culture","tag-movie","tag-solothurn-en"],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.schweiz-albanien.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/Virgine-giurata.jpg","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p7cvp4-r8","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schweiz-albanien.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1682\/"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schweiz-albanien.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schweiz-albanien.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post\/"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schweiz-albanien.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1\/"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schweiz-albanien.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments\/?post=1682"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.schweiz-albanien.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1682\/revisions\/"}],"predecessor-version":[{"id":1724,"href":"https:\/\/www.schweiz-albanien.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1682\/revisions\/1724\/"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schweiz-albanien.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/1631\/"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schweiz-albanien.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media\/?parent=1682"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schweiz-albanien.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories\/?post=1682"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schweiz-albanien.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags\/?post=1682"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}