Bericht über die archäologischen Untersuchungen der Universität Bern vom Sommer 2021 im Ohridsee bei Lin.

Prähistorische Siedlung im Ohridsee: Unterwasser-Archäologie Taucher
Taucher bei der Arbeit (Bild: Uni Bern/Marco Hostettler)

Die Beziehungen zwischen der Schweiz und Albanien sind um eine Facette reicher: Die Universität Bern untersucht mit internationalen Partnern prähistorische Siedlungen rund um den Ohridsee. Die Region um den ältesten Sees Europas spielte bei Ausbreitung der Landwirtschaft eine Schlüsselrolle. Diesen Sommer wurden erstmals auch in Lin am albanischen Ufer des Sees Feldarbeiten durchgeführt.

Der Stellenwert der Siedlungen am Ohridsee ist gross: «Die Pfahlbauten rund um die Alpen zählen seit 2011 zum UNESCO-Welterbe, die Feuchtbodensiedlungen im südwestlichen Balkan sind nicht weniger bedeutend», erklärt Alber Hafner. Er ist Professor für Archäologie an der Universität Bern und leitet das vom Europäischen Forschungsrat finanzierte Grossprojekte EXPLO (siehe Box).

Siedlungsreste unter Wasser bei Lin

Überreste von Pfahlbauten sind für die prähistorische Archäologie ein Glücksfall. Die Holzpfähle, aus denen ihre Fundamente gebaut wurden, haben sich unter Wasser hervorragend erhalten. Der Grund: Unter Ausschluss von Sauerstoff haben sie sich weder zersetzten, noch wurden sie durch Bakterien oder Pilze beschädigt. Das derart präservierte Holz eignet sich ausgezeichnet für dendrochronologische Untersuchungen, das heisst die Datierung anhand von Jahrringen. In Kombination mit der sogenannten Radiokarbondatierung lässt sich das Alter des Holzes genau bestimmen – und damit den Zeitpunkt, zu dem die Siedlungen gebaut wurden. Noch sind die Analysearbeiten im Gang, doch bereits konnten die Forscher nachweisen, dass die ältesten Teile der Siedlungen von Ploča Mičov Grad am nordmazedonischen Ufer des Ohridsees bereits im 5. Jahrhundert vor Christus entstandenen sind.

Auch an der Fundstelle Lin 3 am albanischen Ufer des Ohridsees befindet sich ein Grossteil der Siedlungsreste unter Wasser: Am ufernahen Seegrund zeugen eine beträchtliche Anzahl von Holzpfählen sowie archäologische Funde aus Keramik und Stein von einer einstigen Pfahlbausiedlung. Erste Datierungen eines Holzpfahls deuten darauf hin, dass die Siedlung noch älter ist als jene von Ploča, nämlich rund 2600 Jahre.

Wichtiges Kulturerbe im Balkan

«Unsere Untersuchungen beleuchtet nicht zuletzt das grosse Potential für künftige Forschung zu den prähistorischen Siedlungen in der Region», sagt Albert Hafner. Der Stellenwert der Siedlungen am Ohridsee ist gross. Die Region biete eine mit dem Raum rund um die Alpen vergleichbare Situation: Im heutigen Albanien, Nordgriechenland und Nordmazedonien haben sich in zahlreichen Seen prähistorische Siedlungsrelikte erhalten. Allerdings sind die Fundplätze im Balkanraum mit wenigen Ausnahmen bisher kaum untersucht worden.

Die Pfahlbauten im Alpenbogen sowie die Fundorte im Balkan sind weltweit die einzigen Überreste von Siedlungen aus dem Neolithikum. Die frühen Funde am sind besonders interessant, da das Gebiet in der Ausbreitung der Landwirtschaft eine geografische Schlüsselrolle einnimmt: Hier lebten die ersten Bauern Europas. Vor mehr als 8000 Jahren gelangten frühe Viehzüchter und Ackerbauern aus Anatolien zunächst in den ägäischen Raum, insbesondere Nordgriechenland, und danach via Süditalien und den Balkan nach Mitteleuropa.

Prehistoric settlements Lake Ohrid Lin3 Albania
Prähistorische Pfahlbauersiedlung (Bild: Uni Bern/Johannes Reich)
Prähistorische Siedlungsreste Ohridsee Lin 3 Albanien
Prähistorische Siedlungsreste im See (Bild: Uni Bern/Johannes Reich)
Feldarbeit Lin, Albanien: Bohrkern
Feldarbeit: erster Bohrkern (Bild: Uni Bern/Marco Hostettler)

Wiege der europäischen Landwirtschaft

Im Balkan waren die neu zugezogenen Bauern mit vergleichsweise kühlen und feuchten Klimabedingungen konfrontiert, was sie zu einer entsprechenden Anpassung der landwirtschaftlichen Praktiken zwang. «Die Wechselwirkungen zwischen dieser revolutionären Innovation und der Umwelt sind weitgehend unbekannt», betont Albert Hafner. Genau in diese Forschungslücke ziele das EXPLO-Projekt.

Vortrag von Prof. Dr. Albert Hafner an
der Mitgliederversammlung der GSA

Langfristig verfolgen die Berner Forschenden noch weitere Ziele. «Wir möchten mithelfen, dass der Stellenwert dieser Feuchtlandsiedlungen vor Ort erkannt wird und diese Kulturgüter besser geschützt werden», erklärt Albert Hafner. Es ist angedacht, die Zusammenarbeit mit den Partnern vor Ort auszubauen, die Aus- und Weiterbildung von Forschenden aus der Region zu unterstützen und lokale Initiativen unter anderem in Albanien zu fördern. Diese Bestrebungen sind ganz im Sinn der albanischen Behörden. Ilir Gjoni, der Botschafter Albaniens in der Schweiz, erklärt: «Die archäologischen Forschungen am Ohridsee haben einen hohen Stellenwert. Sie werden zweifellos dazu beitragen, dass sich unser Land bewusst wird, wie weit sein kulturelles Erbe zurückreicht und welche Rolle seine frühen Bewohner für die Entwicklung von ganz Europa gespielt haben.»

Text: Kaspar Meuli, Universität Bern, Oeschger Centre for Climate Change Research

Vortrag von Prof. Dr. Albert Hafner zu den Entdeckungen

Prof. Dr. Albert Hafner hielt am 6. Mai 2021 in Zürich vor Mitgliedern der Gesellschaft Schweiz-Albanien einen Vortrag zu den archäologischen Untersuchungen vom letzten Sommer.

Weitere Informationen

Internationale Forschung am Ohridsee

Das interdisziplinäre Forschungsprojekt EXPLO (kurz für: »Exploring the dynamics and causes of prehistoric land use change in the cradle of European farming«) wird vom Europäischen Forschungsrat (ERC) gefördert und 2018 mit einem begehrten Synergy Grant in der Höhe von mit 6,4 Millionen Euroausgezeichnet. Im Zentrum des Projekts stehen die Beziehungen Mensch-Umwelt zu den Anfängen der Landwirtschaft in Südosteuropa. Sie werden ausgehend von Feuchtbodenfundstellen untersucht. Das Projekt wird über die Laufzeit von insgesamt fünf Jahren von 2019 bis 2024 durchgeführt. Beteiligt sind die Universitäten Bern, Oxford und Thessaloniki.

Weitere Informationen: www.exploproject.eu

 

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